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Interview with Urs Gossweiler

Urs Gossweiler
Verleger seit 1993
Gossweiler Media AG (Jungfrau Zeitung)
Interlaken, Schweiz

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Das kleine Schweizer Traditionsmedienhaus Gossweiler Media AG setzt ausschließlich auf lokale Inhalte und hat damit Erfolg. Sein Konzept der multimedialen Mikrozeitung will der Verleger der Jungfrau Zeitung, Urs Gossweiler, ins In- und Ausland exportieren.

IFRA: Sie bezeichnen die Jungfrau Zeitung als Prototypen einer multimedialen „Mikrozeitung“. Was sind deren wesentlichen Merkmale?

Urs Gossweiler: Die Mikrozeitung muss sich lokal begrenzen. Nur so kann eine Identität geschaffen werden zwischen lokalem Inhalt, lokaler Werbung und lokalen Nutzern. Zudem steht Online im Zentrum des Workfows und der Kommunikation mit den Kunden. Wir verfolgen die Web first Strategie. Sämtliche News, Werbung, etc. gehen sofort online. Die Papierausgabe steht am Ende der Wertschöpfungskette. Diese Kombination aus Web first und der Verlängerung auf Papier macht die Mikrozeitung aus.

IFRA: Ist Ihre gedruckte Zeitung eine Art best of der Website?

Gossweiler: Nein, die Jungfrau Zeitung erscheint zweimal wöchentlich (dienstags und freitags). Sämtliche News der letzten drei Tage erscheinen in der gedruckten Zeitung. Videos und manche Fotos bleiben natürlich außen vor. Es ist also kein Best of, sondern eher ein kurzfristiges Archiv. Wir unterscheiden also nicht zwischen Schreiben fürs Web“ und „Schreiben für Print“. Bei uns wird geschrieben, was passiert. Das wird möglichst schnell online publiziert und dann nochmal auf Papier für die Nachwelt festgehalten. Es gibt nur eine Story und eine Umsetzung, aber eine multimediale Distribution. Das Besondere ist, dass die Zu­griffszahlen steigen (monatlich 30.000 Nutzer, 350.000 Seitenaufrufe mit einer Verweildauer von über einer Minute), aber die Printauflage bleibt stabil. Die Leute lesen die News zunehmend online, wollen aber aufs Papier nicht verzichten.
IFRA: Sie wollen dieses Businessmodell im In- und Ausland vermarkten.

Gossweiler: Ja, wir suchen Partner für Mikrozeitungen nach dem Prinzip lokaler Telefonbücher: Alle schauen gleich aus, aber keines hat die gleichen Inhalte. Normalerweise gehen Kooperationen bei Zeitungen genau umgekehrt. Jeder will sein eigenes Layout, aber alle drucken die gleiche dpa-Meldungen ab. Allerdings ist die Mikrozeitung bisher eine Anti-Success-Story. Die Schweizer Verleger haben Angst, ihrer eigenen Regionalzeitung Konkurrenz zu machen. Dabei ist das besser als das Feld anderen zu überlassen. Die regionalen Räume, die eine Tageszeitung abdeckt werden tendentiell größer, das Lokale und das Mikrolokale wird damit zunehmend vernachlässigt. Da entsteht eine Lücke, die derzeit nur Google Local füllen will. Es ist Schade, dass unsere Branche dieses Geschäftsfeld kampflos abgibt, denn die lokalen Anzeigenkunden sind das Rückgrat unserer Branche. Die Zeitungsverlage kommen mir ein bisschen vor wie die besten Kutschenhersteller zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie hatten bessere Fahrgestellte und Sitzpolster gemacht als der kleine Daimler, aber sie haben sich standhaft gewehrt, einen Motor einzubauen. Hätten sie einfach einen Motor eingebaut, hätten alle Kutschenhersteller überlebt. Wir hätten ein Alternativmodell um die Kutschenhersteller unserer Branche in das 21. Jahrhundert zu retten. Allerdings ist die Jungfrau-Zeitung weiterhin nur der Prototyp, der einsam in der Landschaft steht. Da kann und muss man uns den Vorwurf machen: Ihr seid zwar gute Formel-1-Autobauer, aber ihr bekommt euer Modell nicht serienreif.

IFRA: Dieses Modell bieten Sie seit 2004 an. Wie sind sie darauf gekommen?

Gossweiler: Durch Zufall. Die Jungfrau-Zeitung ist 2000 aus der Dorfzeitung „Der Brienzer“ hervorgegangen. Wir haben das Verbreitungsgebiet von 5000 auf 50.000 Einwohner erweitert. Das war eine Zufallsgröße, die wir als ideal erachtet haben. Später stellten wir fest, dass ein Mitbewerber schon Mitte der 80er Jahre genau die gleiche Größe definiert hatte. Die lokalen Telefonbücher haben die ganze Schweiz so eingeteilt. Also haben wir unser Business-Modell mit dem geographischen Modell der Telefonbücher in Einklang gebracht. Daraus entstand das Modell der Mikrozeitung. Die Einteilung der Schweiz in diese lokalen Räume erfolgte übrigens nicht von einem Schweizer Medienhaus – es hätte sich stur an den Kantonsgrenzen orientiert – sondern von einem deutschen Medienhaus, Bertelsmann.

IFRA: Wann und warum haben Sie begonnen auf Online zu setzen?

Gossweiler: 1995 ging unsere Dorfzeitung online und wir haben von Beginn weg nach dem Prinzip Web first gearbeitet. Bei der Gründung der Jungfrau-Zeitung im Jahr 2000 haben wir diese Erfahrungen nutzen können. Die Dorfzeitung, die mein Urgroßvater gekauft hat, war der Prototyp für die Jungfrau Zeitung und die Jungfrau Zeitung ist jetzt der Prototyp für das Businessmodell Mikrozeitung.

Wer Anfang der 80er Jahre in die Medien gehen wollte, musste sich zwischen Printmedien und audiovisuellen Medien entscheiden. Dazwischen war eine Berliner Mauer. Das hat mich innerlich zerrisen, weil ich wusste, ich wollte immer Zeitungsverleger werden, aber ich wollte auch das audiovisuelle nicht aufgeben. Als aber Ende der 80er Jahre die ersten Computer im Verlagsbüro meines Vaters installiert wurden, habe ich festgestellt, du musst dich nicht entscheiden! Jetzt ist Perestroika. Der Macintosh, das habe ich sofort erkannt, bringt die zwei Welten zusammen wie Ost und West.

Von 1995 bis 2003 entwickelten wir Online-Workflow-Systeme für externe Kunden. In diesen 8 Jahren flossen etwa 10 Millionen Schweizer Franken in die Entwicklung und somit konnten wir es uns erlauben, ein System für unsere kleine Zeitung zu entwickeln, was man sich sonst überhaupt nicht leisten könnte. Das macht uns natürlich unabhängig. Heute ist es nicht mehr wichtig, eine eigene Druckmaschine zu haben, sondern dass man ein Workflow-System hat. Und die gibt es noch nicht von der Stange. Normalerweise müssen dann kleine Zeitungen bei großen Medienhäusern anklopfen und die sagen dann auch ja, ihr könnt das System benutzen – werdet doch einfach Kopfblatt von uns. Dann ist die Unabhängigkeit natürlich weg.

IFRA: Sie sind im Oktober 2000 mit der Jungfrau Zeitung gestartet. Das war am Ende des Internet-Booms. Wie haben Sie das überstanden?

Gossweiler: Bis Ende Januar 2001 zogen die Anzeigenerträge in der Schweiz in astronomische Höhen und dann kam der jähe Absturz. Dann hat sich das Anzeigenvolumen ja praktisch halbiert innerhalb eines Jahres. Das Schöne war, bei uns ist das nicht aufgetreten. Wir haben seit unseren Start kontinuierliche Zuwächse. Von 2000 bis Ende 2007 haben wir mit lokalen Anzeigen einen Zuwachs von 88 Prozent.

IFRA: Wenn Web first in Konkurrenz zu Print tritt, gibt es in Redaktionen oft Reibungen. Hatten Sie ähnliche Erfahrungen?

Gossweiler: Man muss tagtäglich dran bleiben, muss seine Leute immer wieder motivieren. Wenn jemand eine gute Geschichte hat und man spürt, er will sie bis zum Drucktermin zurückhalten, muss man immer wieder auf die Finger klopfen und darauf bestehen, dass eine Geschichte online geht sobald sie fertig ist.

IFRA: Sie haben einen virtuellen Friedhof eingerichtet. Wozu?

Gossweiler: Schon vor 100 Jahren haben Angehörige eine Zeitungsanzeige geschaltet, wenn jemand gestorben ist. Zwei Wochen nach der Beerdigung folgt die Danksagung. Wieder zwei Wochen später kommt dann der Lebenslauf und es wird noch ein Foto eingeschickt. Diese verschiedenen Elemente sind in der gedruckten Zeitung über einen Zeitraum von einem Monat sporadisch erschienen. Wir haben nichts anderes gemacht als diese Elemente in einem Dossier zusammenzufassen. Diese Geschichten gehören zusammen und werden miteinander verknüpft. Die Übersicht haben wir schließlich wie virtuelle Grabsteine gestaltet. Das ist aus dem Workflow heraus automatisch entstanden. Wir haben nur eines Tages begonnen, das zu branden. Wir hatten Zweifel wie es bei den Lesern ankommt, aber die Leute haben das als ideale Lösung angesehen.

Page first published: 25.03.2008

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