Interview mit Jürgen Schulze
Die Süddeutsche Zeitung (SZ) hat im September letzten Jahres erstmals eine Duftanzeige veröffentlicht. Bereits einige Monate früher (im März) erschien eine Anzeige auf transparentem Pergamentpapier. Produziert wurden diese Sonderanzeigen im Druckzentrum des Süddeutschen Verlags in Steinhausen bei München. zeitungstechnik sprach mit Jürgen Schulze, dem Leiter der Produktionssteuerung, über die produktionstechnischen Aspekte.
zeitungstechnik: Zunächst zur Duftanzeige. Könnten Sie kurz beschreiben, wie das Verfahren der „Mikroverkapselung“ funktioniert?
Jürgen Schulze: Das ausgewählte Duftöl wird vom Hersteller in Mikrometer-Kapseln eingearbeitet. Diese werden dem Lack oder der Farbe beigemischt. Hersteller der von uns verwendeten mikroverkapselten Duftstoffe ist die Firma Schubert International (http://www.schubert-international.com) in Utting, D. Diese Firma bietet insgesamt rund 130 Standarddüfte an. Auf Wunsch können auch „Sonderdüfte“ verarbeitet werden. Wir haben den Duftstoff sowohl als Duftlack als auch in der Skalenfarbe verdruckt. Entscheidend ist dabei die Flächendeckung des Motivs. Je größer die Flächendeckung der jeweiligen Farbe desto besser die entfaltete Duftwirkung. Von Vorteil ist, wenn die Duftfarbe an der letzten Druckstelle verdruckt werden kann, da die Kapseln keine weiteren Druckstellen passieren und ein Freisetzen des Duftes vermieden werden kann.
zt: Wie oft haben Sie seither Duftanzeigen produziert?
J. Schulze: Wir haben bisher in der Süddeutschen Zeitung für drei Anzeigenkunden verschiedenen Duftnoten produziert. Zuerst für die Investmentgesellschaft DWS mit Mandelmilchduft und dem Slogan „Geld stinkt nicht“, dann für die Deutsche Bank mit Lebkuchenduft in der Vorweihnachtszeit und für Parship Rosenduft mit einem Rosenstrauß als Motiv.
zt: Wurde die Anzeige in der Zeitungsrotation während der regulären Nachtproduktion gedruckt? Gab es dadurch Verzögerungen oder ungewollte Stopps?
J. Schulze: Die Anzeigen sind in der aktuellen Produktion gelaufen. Vor der ersten Erscheinung haben wir entsprechende Tests durchgeführt. Produktionsverzögerungen dürfen aufgrund des engen Produktions- und Auslieferungskonzepts einer Tageszeitung nicht entstehen.
Dies gilt für alle Sonderwerbeformen die wir im letzten Jahr für die Süddeutsche Zeitung produziert haben.
– ob das die „flying page“ (Anm. d. Red.: eine Einzelseite, die auf Mitte gefalzt und um eine Sektion gelegt wird), der Druck auf Transparentpapier oder mit Duftnote oder auch die auf die Titelseite geklebte Karte mit einer Werbebotschaft war. Wichtig war dabei immer, dass alles unter den normalen Produktionsbedingungen gefahren werden kann.
zt: Waren besondere technische Zusatzanlagen oder Vorrichtungen erforderlich? Gab es produktionstechnische Schwierigkeiten (z.B. mit der Trocknung)?
J. Schulze: Besondere Vorrichtungen waren nicht erforderlich. Bei den heutigen Zeitungsdruckmaschinen ist es so, dass die Skalenfarben alle automatisch in die Farbwerke gepumpt werden. Die Farben mit dem Duftstoffzusatz wurden mit Farbwannen (wie Schmuckfarben) gedruckt.
Produktionstechnische Schwierigkeiten gab es keine. Was die Dosierung des Duftzusatzes anging, haben wir uns mit Herrn Schubert von Schubert International in verschiedenen Tests herantasten müssen. Die Menge der beigemischten Duftkapseln in der Druckfarbe verändert natürlich auch den Farbort dieser Farbe.
zt: Sie haben die Anzeigen auf Transparentpapier erwähnt, mussten besondere Maßnahmen ergriffen werden, um dieses Papier in der Zeitungsrotation verarbeiten zu können? Wie groß war da der Aufwand und mit welchen Schwierigkeiten waren Sie konfrontiert?
J. Schulze: Der Druck mit Transparentpapier wurde vor Produktion mehrmals getestet. Pergamentpapier reagiert sehr schnell und stark auf Feuchtigkeit. Die Farb/Wasser-Menge muss möglichst gering und fein dosiert werden. Um das Abschmieren auf Leitwalzen zu verhindern, sollte in der Druckvorstufe der Gesamtfarbauftrag auf 170% reduziert werden. Bei der eigentlichen Produktion hatten wir dann keinen Papierreißer.
zt: Gab es Komplikationen beim Rollenwechsel? Haben Sie die Rotationsgeschwindigkeit reduziert um das Risiko herabzusetzen?
J. Schulze: Komplikationen gab es keine, wir haben eine ganz normale Produktion gefahren. Eine Sonderbehandlung verlangte die Rollenvorbereitung. Normalerweise erfolgt die Klebevorbereitung der Papierrollen automatisch. Das geht mit Transparentpapier in der Form nicht, weil es aufgrund seiner glatten Oberfläche von den Klebevorbereitungsautomaten nicht angesaugt wird. Das bedeutet, dass die Rollen manuell vorbereitet werden mussten. Das sollte man auch schon deshalb tun, weil das Papier, wie gesagt, stark auf Feuchtigkeit reagiert und darum vom Hersteller luftdicht verpackt geliefert wird. Es ist ratsam, die Rollen erst kurz vor der Produktion auszupacken, um eine Feuchtigkeitsaufnahme und eine Faltenbildung zu vermeiden. Die Verarbeitung von Transparentpapier ist schon eine heiklere Sache als die Verwendung eines Duftlacks.
zt: Kann man das Papier als produktionstauglich bezeichnen?
J. Schulze: Ja das Papier ist produktionsgeeignet. Dank der beschriebenen Maßnahmen ist es uns gelungen, in einem Fall sogar eine besonders hohe Auflage von 900.000 Exemplaren problemlos zu produzieren; ca. 27 Tonnen Pergamentpapier wurden dabei verdruckt.
zt: Haben andere Kunden Interesse an Anzeigen auf Pergamentpapier oder Duftanzeigen gezeigt?
J. Schulze: Sonderwerbeformen sind ein großes Thema bei Werbekunden und Agenturen. Es ist aber zu beachten, dass bei Transparentpapier und Duftfarbe die Materialpreise deutlich über dem Standard-Material liegen. Man benötigt dafür die entsprechenden Kunden und auch eine starken Verkauf. Wir entwickeln stetig neue Produktformen und werden den Kunden der Süddeutschen Zeitung auch dieses Jahr innovative Werbeformen ermöglichen.
Siehe auch Interview mit Sebastian Berger, Pressesprecher der Süddeutschen Zeitung (Direkter Link: 1674)
Page first published: 16.01.2006