Im Jahr 2006 führte die in Münster ansässige Regionalzeitung Westfälische Nachrichten (tägliche Auflage: 220.000 Exemplare) das Ifra-Newsplex-Konvergenzkonzept NewsDesk ein – zunächst im Juli für ihre Printausgabe und einige Monate später, nach dem Relaunch, auch ausgedehnt auf die Online-Ausgabe der Zeitung.
Im Folgenden erläutern Norbert Tiemann, Chefredakteur der Westfälischen Nachrichten, und Hilmar Riemenschneider, Projektleiter bei der Zeitung, den Prozess der Reorganisation.
zeitungstechnik: Herr Riemenschneider, was waren für Sie die Erfolgsfaktoren bei der Einführung des NewsDesks?
Hilmar Riemenschneider: Für uns war es eine entscheidende Voraussetzung, dass wir vorher über ein Jahr lang an dem Projekt ReaderScan beteiligt waren. Wir haben unsere Zeitung online analysiert in Bezug auf die Inhalte – wie sie bei den Lesern ankommen, welche Inhalte wie gewichtet werden, und ob wir irgendwann Inhalte nicht so anbieten, wie die Leser sie gerne möchten.
Das Ergebnis aus den Erkenntnissen war in der gesamten Redaktion zu spüren. Wir haben gemerkt, wir brauchen ein anderes Themenmanagement, müssen sehr viel mehr an die Leser heranrücken. Das hat dazu beigetragen, dass es für die Änderungen eine große Akzeptanz gab.
Norbert Tiemann: Wir sind in unserer Region das führende Leitmedium. Nur reicht es bei sinkenden Auflagen heute nicht mehr, die Menschen nur einmal am Morgen zu kontaktieren. Wir müssen 24 Stunden den Kontakt halten und dafür sämtliche medialen Informationskanäle bedienen – ob online, Handy, was auch immer.
Grundsätzliche Voraussetzung dafür, ein solches Projekt journalistisch zu schultern, ist eben ein Medienkonzept à la NewsDesk.
zt: Beginnend bei ReaderScan, wie viele Hauptphasen hat das Projekt Newsplex gehabt?
H. Riemenschneider: Aus den Ergebnissen aus ReaderScan ergab sich die Frage, wie wir zu einem besseren Themenmanagement kommen und wie wir die Themen richtig gewichten. Wir haben dann auch begonnen, die Produktionsabläufe in den Ressorts zu definieren. Wir haben sie dann aufgeteilt je nach dem, was wer am besten konnte: Es gibt die, die sich wirklich nur um die Inhalte kümmern, Themen recherchieren und aufbereiten und es gibt Kollegen, die eher Funktionsdienste erledigen.
zt: Wie haben die Mitarbeiter darauf reagiert?
N. Tiemann: Im Großen und Ganzen positiv. Wir haben über die NewsDesk-Funktionen hinaus die Ressortleiter beibehalten. Aber die Komplettsteuerung läuft über den NewsDesk. Das wird von den Kollegen akzeptiert. Sie sehen, dass das neue Konzept eine Vielzahl neuer Freiräume für das eigene journalistische Arbeiten bringt.
zt: Wie haben Sie die Mitarbeiter auf die praktische Arbeit vorbereitet?
H. Riemenschneider: Wir haben das Team, das am NewsDesk sitzt, zusammen mit einigen anderen Redakteuren zur Ifra auf eine spezielle Schulung ins Newsplex-Trainingszentrum geschickt, wo sie die Abläufe und das neue Rollenkonzept unter realistischen Bedingungen erproben konnten. Das war erst kurz vor Einführung von NewsDesk, so dass sie frisch und inspiriert an den NewsDesk gekommen sind und versucht haben, das auch umzusetzen.
zt: Wie hat sich das in der Qualität der Zeitung niedergeschlagen?
N. Tiemann: Ganz ausgezeichnet. Ich bin häufig darauf angesprochen worden, dass sich das Blatt ein Stück weit verändert hat. Wir haben zwischendurch auch ein Relaunch gemacht. Das viel bessere Themenmanagement bringt ein viel besseres Arbeiten mit Bildern. Die Themen werden viel deutlicher an die Interessenlage der Leserschaft herangeführt.
zt: Herr Riemenschneider; würden Sie daran denken, wieder so zu arbeiten, wie das vor dem NewsDesk war?
H. Riemenschneider: Nein! Nie!
N. Tiemann: Wir haben vorher gesagt, dass es sich hier um einen irreversiblen Prozess handelt. Die Richtigkeit dieser Auffassung bestätigt sich Tag für Tag.
Das Interview führte Ifra Newsplex Director Dietmar Schantin.
Page first published: 16.01.2007