zeitungstechnik: Was denken Sie, was im weltweiten Gratiszeitungsmarkt im kommenden Jahr zu erwarten ist? Speziell interessiert uns, ob sich nach Ihrer Meinung die Zahl der Einführungen neuer Gratistitel auf dem Niveau des vergangenen Jahres hält und in welchen Teilen der Erde im Jahr 2006 am ehesten mit neuen Gratiszeitungen zu rechnen ist.
Pelle Anderson: Ich lebe in Seoul in Südkorea und wenn es je einen mit kostenlosen Tageszeitungen übersättigten Markt gab, dann ist es diese Stadt. Wir haben nicht nur Metro, sondern auch AM7, Focus und Zoom, die alle in der U-Bahn und auf den Straßen verteilt werden. Auch kostenlose Wirtschafts- und Sportzeitungen habe ich hier auf den Straßen auftauchen sehen. Im vergangenen Jahr setzten sich Gratiszeitungen in den Märkten mehrerer Länder durch. Die Expansion setzte sich fort. Einige Beispiele:
– Die Gratiszeitung 20 Minutos übertraf die Auflagenzahl der größten spanischen Tageszeitung El País. 20 Minutos verzeichnet täglich 2.298.000 Leser, El País dagegen 2.048.000. El País folgen zwei weitere Gratistitel: Qué! und Metro. Erst an fünfter Stelle rangiert die Kaufzeitung El Mundo.
– In Dublin, Irland, startete Metro am 10. Oktober 2005 die Publikation der jüngsten Erweiterung seiner internationalen Gratistitelreihe. Es handelt sich um ein Joint-Venture zwischen Metro International, Irish Times und Associated Newspapers (Herausgeber von Metro in London). Metro verzeichnet weltweit nun 60 verschiedene Ausgaben.
– Die schwedische Bonnier-Gruppe lancierte am 22. August 2005 in Riga, Litauen, die Gratiszeitung 5min.
– Die von der Sanoma-Gruppe herausgegebene Kostenlos-Zeitung Kaupunkilehti Vartti begann montags und donnerstags, fünf Ausgaben mit einer Druckauflage von insgesamt 460.000 Exemplaren zu publizieren. Sie wird von der finnländischen Post an Haushalte in und um Helsinki verteilt.
– City AM startete am 5. September 2005 in London den Druck einer kostenlosen Wirtschaftstageszeitung. Leiter des Unternehmens ist Jens Thorpe, der vor kurzem von Metro International überwechselte.
– Die Schweizer Verlagsgruppe Ringier lancierte am 28. November 2005 eine neue kostenlose Prager Tageszeitung mit dem Titel 24 Hodin (24 Stunden). Die Zeitung im Berliner Format befasst sich mit Lokalnachrichten, neuen Technologien und Sport. Ringier wird die Zeitung auch in der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Serbien einführen.
– In Schweden drang Metro weiter in mehrere kleinere Städte im ganzen Land vor und zwang lokale und regionale Tageszeitungen zur Verteidigung ihres Reviers.
Zum Unbehagen der Kaufzeitungen werden im Verlauf des Jahres 2006 weitere Gratiszeitungen in der ganzen Welt auf den Markt kommen:
– In den USA arbeitet der konservative Milliardär Philip Anschutz, Eigentümer des San Francisco Examiner, am Aufbau einer Gratiszeitungskette. Er hat den Namen des Examiners in über 60 US-Städten als Marke schützen lassen und wird 2006 den Baltimore Examiner lancieren. Das Besondere: Die Zeitungen werden an die Haushalte der Wohlhabenden verteilt, während die Pendler in den U-Bahnen leer ausgehen.
– Die norwegische Verlagsgruppe Schibstedt weitet den Vertrieb ihres Gratistitels 20 Minuten auf ganz Deutschland aus und zielt auf eine Erhöhung ihrer Leserzahlen im Verlauf der Fußballweltmeisterschaft 2006 ab.
– In Paris zieht Le Monde die Einführung einer kostenlosen Wirtschaftstageszeitung mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren in Betracht.
Aus diesen und ähnlichen Nachrichten lässt sich ableiten, dass sich im Jahr 2006 die Abwanderung der Leser und Anzeigenkunden zu den neuen Gratiszeitungen fortsetzen wird. Doch die größte Auswirkung für die gesamte Branche dürfte nicht der sinkende Anteil der Anzeigeneinnahmen der Kaufzeitungen haben, sondern
das Sinken des Preisniveaus für jede Art von Zeitungsanzeige. Zieht man darüber hinaus die Rubrikanzeigen-Sites wie beispielsweise craigslist.com hinzu, ist kein Ende in Sicht: Die Zeitungen müssen sich auf weniger Anzeigeneinnahmen einstellen. Als Schutz vor der neuen Konkurrenz seine eigene kostenlose Tageszeitung zu starten, könnte die traditionelle Zeitung in eine noch schwierigere Situation bringen, sowohl ihren Leser- als auch ihren Anzeigenmarkt kannibalisieren und die Idee der kostenlosen Vergabe einer Zeitung salonfähig machen. Wirklich eine paradoxe Situation für die alte Garde!
Auf der anderen Seite ist es überhaupt nicht klar, ob die neuen kostenlosen Tageszeitungen für ihre Besitzer lukrativ sind. Abgesehen von der Gratiszeitung Metro Stockholm, an deren Konzeption ich im Jahr 1995 beteiligt war, erwiesen sich die nachfolgenden Lancierungen als weitaus weniger rentabel. Analysten erklärten 2005 zu einem verlorenen Jahr für die Investoren von Metro International, und die Aktionäre verlieren offenbar die Geduld mit dem Unternehmen.
Trotz hoher Leserzahlen verbucht die schwedische Mediengruppe Bonnier für ihre Stockholmer Gratiszeitung City weiterhin große Verluste. Schibstedt investiert viele norwegische Kronen in das europäische 20 Minuten-Vorhaben und seine Ausweitung auf Frankreich, Spanien und die Schweiz, doch es ist unklar, wie lange die Verlagsgruppe mit diesem Projekt Erfolg haben wird. Wenn die Zukunft für die traditionelle Zeitungsbranche unsicher erscheint, so ist sie für die Marktneulinge ebenso ungewiss.
Auf längere Sicht jedoch wird sich die Kontroverse zwischen Gratis- und Kaufzeitungen auf eine Diskussion über unterschiedliche Printmedien-Konzepte beschränken. Die große Frage wird lauten, wie es der Zeitungsbranche gelingt, ihre Anziehungskraft auf die Leser weiterhin in einer Welt auszuüben, in der Internet, Fernsehen, lokale Netze, PDAs, Mobiltelefone und iPods in einer drahtlosen Breitbandumgebung zusammenfließen. Zeitungen? Na ja, Fliegenklatschen werden wir immer brauchen.
Pelle Anderson ist seit 25 Jahren im Bereich Medien und Design tätig. Er arbeitete viele Jahre lang für Dagens Nyheter und für verschiedene Magazine. 1995 entwickelte er mit zwei Freunden das Konzept der kostenlosen Tageszeitung Metro. Die Initiative und das Design gehen auf ihn zurück. Heute gehört Metro zu den bekanntesten Marken der Zeitungsbranche. Vor einigen Jahren gründete Anderson das Design-Studio A4 (www.a4.se).
Page first published: 13.12.2005